Tokyo (東京)

Zwischen Kaiserpalast und Neonlicht

Tokio ist der erste Eindruck, den diese Reise von Japan vermittelt — und gleich ein überwältigender. Mit rund 14 Millionen Einwohnern in der Stadt selbst und knapp 37 Millionen im Großraum ist Tokio die bevölkerungsreichste Metropolregion der Welt, und doch wirkt sie selten chaotisch: Uralte Schreine liegen hier Tür an Tür mit Wolkenkratzern, ein kaiserlicher Palast verbirgt sich hinter Gräben mitten im Finanzdistrikt, und ein 70 Hektar großer Wald wurde vor gut hundert Jahren künstlich gepflanzt, um heute wie Urwald zu wirken. Fünf Tage lang führt der Weg durch Viertel, die unterschiedlicher kaum sein könnten — von Ginzas Luxusboutiquen über Akihabaras Neonlichter bis zu den engen Gassen der Golden Gai — und zeigt damit schon zu Beginn der Reise, wie viele verschiedene Gesichter ein einziges Japan haben kann.

Kindertag (Kodomo no Hi, 子供の日)

Der 5. Mai ist ein nationaler Feiertag und Teil der sogenannten „Goldenen Woche" — einer Folge mehrerer gesetzlicher Feiertage, die Japan jährlich weitgehend zum Stillstand bringt. Traditionell werden an diesem Tag Koinobori gehisst: karpfenförmige Windsäcke, die für Mut, Ausdauer und die Überwindung von Hindernissen stehen. Ursprünglich ein Fest für Jungen, ist der Feiertag heute allen Kindern gewidmet.

Kaiserlicher Palast (Kōkyo, 皇居)

Residenz des japanischen Kaiserhauses im Herzen Tokios, auf rund 115 ha und dem Areal der historischen Burg Edo gelegen, die ab 1457 erbaut und unter den Tokugawa-Shōgunen zur größten Burganlage der Welt ausgebaut wurde. Der Palast selbst bleibt der Öffentlichkeit verschlossen — begehbar sind jedoch der Kōkyo Higashi Gyoen (Ostgarten) sowie die weitläufigen Außenanlagen.

Hie-Schrein (日枝神社)

Im Stadtteil Nagatacho gelegen, im 14. Jahrhundert gegründet und dem Kami Ōyamakui-no-kami geweiht, gilt der Hie-Schrein als Schutzheiligtum der Tokioter Innenstadt. Bekannt ist er für seine langen Reihen roter Torii-Tore sowie das alle zwei Jahre stattfindende Sanno Matsuri, eines der drei großen Feste Tokios. Die roten Tore symbolisieren dabei den Übergang zwischen profaner und heiliger Welt.

Zōjō-ji Tempel (増上寺)

1393 gegründet und seit dem 17. Jahrhundert eng mit dem Tokugawa-Shōgunat verbunden — sechs der 15 Shōgune sind hier bestattet. Das Sangedatsumon-Tor von 1622 ist das älteste erhaltene Bauwerk der Anlage und steht unter Denkmalschutz. Besonders markant ist die Lage direkt neben dem Tokyo Tower, der als modernes Wahrzeichen einen bewussten Kontrast zur traditionellen Tempelanlage bildet.

Tokyo Tower (東京タワー)

1958 errichtet als Kommunikationsturm und Symbol des wirtschaftlichen Wiederaufbaus Japans nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit 332,9 m war er bei seiner Fertigstellung das höchste Bauwerk des Landes. Seine Form orientiert sich am Eiffelturm, doch mit rund 4.000 Tonnen Stahl ist er deutlich leichter. Heute dient er vor allem als Touristenattraktion; die eigentliche Sendefunktion hat weitgehend der 2012 fertiggestellte Tokyo Skytree übernommen.

Shibuya-Kreuzung (渋谷スクランブル交差点)

Die bekannteste Fußgängerkreuzung der Welt. Bei jeder Grünphase überqueren schätzungsweise 3.000 Personen gleichzeitig die Kreuzung aus mehreren Richtungen — an Spitzentagen sind es bis zu 500.000 Menschen allein am Bahnhof Shibuya. Das Prinzip der „Scramble Crossing" erlaubt Fußgängern, die Kreuzung in alle Richtungen, auch diagonal, zu überqueren, während der Fahrzeugverkehr komplett gesperrt bleibt.

Meiji-Schrein (明治神宮)

Erbaut zwischen 1912 und 1920 zu Ehren Kaiser Meijis (1852–1912) und seiner Gemahlin Kaiserin Shōken — jenem Tennō, der für die tiefgreifende Modernisierung Japans im 19. Jahrhundert steht. Die Anlage umfasst einen rund 70 ha großen Forst mit über 100.000 Bäumen aus ganz Japan — ein bemerkenswertes Beispiel eines künstlich angelegten, heute völlig natürlich wirkenden Waldes. Jährlich besuchen über 3 Millionen Menschen allein zum Neujahrsfest den Schrein. Verbreitet ist hier auch das Goshuinchō (御朱印帳), das Stempelbuch für Schrein- und Tempelsiegel — eine Sammelpraxis, die bis auf die Pilgertraditionen des Mittelalters zurückgeht.

Yoyogi-Park (代々木公園)

Mit 54 ha einer der größten Stadtparks Tokios. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das Areal als Wohngelände für US-amerikanisches Militärpersonal (Washington Heights), bevor es für die Olympischen Spiele 1964 als Athletendorf genutzt wurde. Gleich nebenan liegt die Kokuritsu Yoyogi Kyōgijō, entworfen vom Architekten Kenzō Tange — eines der bedeutendsten Bauwerke der japanischen Nachkriegsmoderne.

Odaiba (お台場)

Eine künstliche Inselgruppe in der Tokioter Bucht, ursprünglich Mitte des 19. Jahrhunderts unter dem Tokugawa-Shōgunat als Befestigungsanlage angelegt — Odaiba bedeutet wörtlich „Kanonenbatterien" — um die Stadt vor amerikanischen Kriegsschiffen zu schützen. Die heutige Bebauung stammt überwiegend aus den 1990er Jahren. Die 11,5 m hohe Freiheitsstatue auf der Insel ist eine Leihgabe aus Paris und Symbol der französisch-japanischen Freundschaft. Vor dem DiverCity Tokyo Plaza steht zudem der Unicorn Gundam — eine 19,7 m hohe, lebensgroße Statue des Mobilsuits aus der gleichnamigen Anime-Serie —, der stündlich zwischen zwei Konfigurationen wechselt.

teamLab Planets (チームラボ プラネッツ)

2018 in Toyosu eröffnet, verbindet dieses interaktive Kunstmuseum des Kollektivs teamLab digitale Kunst mit körperlicher Erfahrung: Besucher durchqueren barfuß Wasserbecken, bewegen sich durch raumfüllende Projektionen und interagieren über Bewegung und Berührung mit der Umgebung. Zugrunde liegt teamLabs Philosophie des Ultrasubjective Space — der bewussten Auflösung der Grenze zwischen Betrachter und Kunstwerk.

Kaminarimon-Tor (雷門, „Wind-Donnergott-Tor")

Das Wahrzeichen Asakusas, erstmals 942 errichtet, mehrfach zerstört und zuletzt 1960 in der heutigen Form wiederhergestellt. Das Tor ist 11,7 m hoch, 11,4 m breit und trägt eine rote Papierlaterne von 3,9 m Höhe und 700 kg Gewicht. Flankiert wird es von den Shinto-Gottheiten Fūjin (Wind) und Raijin (Donner).

Sensō-ji Tempel (浅草寺)

Tokios ältester und meistbesuchter Tempel, der Überlieferung nach im Jahr 628 gegründet, als Fischer eine nur 5 cm kleine goldene Kannon-Statue im Sumida-Fluss fanden. Der Tempel gehört formal der buddhistischen Tendai-Schule an, wird aber für alle Strömungen offen betrieben. Die Nakamise-dōri, die Einkaufsstraße zwischen Kaminarimon und Tempel, existiert in ihrer heutigen Form seit der Edo-Zeit und zählt zu den ältesten Einkaufsstraßen Japans. Wer möchte, versucht sich hier am Omikuji (御神籤) — dem Schütteln von Glückslosen, einem der bekanntesten Bräuche japanischer Schrein- und Tempelbesuche.

Imado-jinja (今戸神社)

Ein kleiner Shinto-Schrein in Asakusa, bekannt als Geburtsort der Maneki-neko (招き猫), der berühmten Winkekatze. Der Legende nach wurde die erste Winkekatze hier im 19. Jahrhundert geformt. Heute gilt der Schrein zusätzlich als Liebesorakel und ist ein beliebtes Ziel für Paare und alle, die im Sinne der Kami nach Partnerschaft suchen.

Akihabara (秋葉原)

Ursprünglich nach dem Zweiten Weltkrieg als Schwarzmarkt für Elektroschrott entstanden, entwickelte sich das Viertel zum weltbekannten Zentrum für Elektronik, Manga, Anime und Videospiele. Sein Name leitet sich vom Akiba-Daigongen-Schrein ab, der früher hier stand. Charakteristisch sind die vielstöckigen Spezialgeschäfte sowie die Maid-Cafés, in denen das Personal in Dienstmädchen-Kostümen Gäste in spielerischer, popkultureller Ästhetik bewirtet — ein Phänomen der otaku-Kultur, das seit den frühen 2000er Jahren fest in Akihabara verwurzelt ist.

Kappabashi-Straße (合羽橋道具街)

Ein rund 170 m langer Straßenzug mit etwa 170 Fachgeschäften für Küchenutensilien, Porzellan, Lackerware, Arbeitskleidung für Gastronomen und originalgetreue Kunstharz-Nachbildungen von Speisen (shokuhin sampuru), wie sie in japanischen Restaurantauslagen verwendet werden. Seit den 1910er Jahren ein Einkaufsziel für Gastronomiebetriebe, gilt die Straße heute ebenso als beliebtes Ziel für Hobbyköche und Designinteressierte.

Setagaya-Linie & Gotokuji-Tempel (豪徳寺)

Die Setagaya-Linie ist eine der letzten verbliebenen Straßenbahnlinien Tokios — ein seltenes Überbleibsel aus einer Zeit, als die Stadt noch von einem dichten Tramnetz durchzogen war. Sie führt zum Gotokuji-Tempel, einem 1480 gegründeten buddhistischen Tempel der Sōtō-Schule, der weithin als Geburtsort der Maneki-neko gilt: Der Legende nach soll ein Kater des Tempels im 17. Jahrhundert einen vorbeireitenden Samurai durch sein Winken vor einem Blitzschlag gerettet haben — zum Dank stiftete der Gerettete dem Tempel reichlich Mittel. Hunderte weiße, von Besuchern gespendete Katzenfiguren aus Keramik schmücken heute einen eigenen Bereich des Geländes.

Shinjuku (新宿)

Einer der bedeutendsten Stadtbezirke Tokios: Shinjuku Station ist mit täglich über 3,5 Millionen Fahrgästen der meistfrequentierte Bahnhof der Welt und verfügt über mehr als 200 Ausgänge. Das Viertel vereint auf engstem Raum Verwaltungshochhäuser, das Vergnügungsviertel Kabukichō und die engen Gassenkneipen der Golden Gai — ein Relikt der Nachkriegszeit mit über 200 winzigen Bars.

Tokyo Metropolitan Government Building (東京都庁舎)

1991 nach Plänen des Architekten Tange Kenzō fertiggestellt und 243 m hoch. Der Doppelturm greift gotische Kathedralmotive auf und war bei seiner Eröffnung das höchste Gebäude Japans. Die Aussichtsplattform im 45. Stockwerk, auf 202 m Höhe, ist kostenlos zugänglich — eine Seltenheit unter den Tokioter Aussichtspunkten.

Kabukichō & Golden Gai

Kabukichō, Japans bekanntestes Vergnügungsviertel, ist benannt nach einem Kabuki-Theater, das hier nach dem Zweiten Weltkrieg geplant, aber nie gebaut wurde. Es gilt als größtes Rotlichtviertel Ostasiens. Direkt angrenzend liegt die Golden Gai (ゴールデン街): sechs enge Gassen mit rund 200 Kleinst-Bars, viele davon mit nur vier bis sechs Sitzplätzen — seit den 1960er Jahren ein beliebter Treffpunkt für Kreative, Journalisten und Nachtschwärmer.

Hanazono-Schrein (花園神社)

Mitten im Shinjuker Hochhausviertel gelegen und seit dem 17. Jahrhundert an diesem Standort dokumentiert, ist der Hanazono-Schrein dem Kami Inari geweiht. Er gilt als Schutzheiligtum der Unterhaltungsbranche — ein Bezug, der angesichts der umgebenden Nachtviertel kaum passender sein könnte.

Fünf Tage Tokio reichen gerade aus, um die Ausmaße der Stadt zu ahnen: ein Kaiserpalast, der sich hinter Gräben verschließt, ein Tempel, der 100.000 Bäume zu einem Wald werden ließ, und Viertel, die von Elektroschrott zu Anime-Mekka oder von Kanonenbatterie zu Vergnügungsinsel wurden. Tokio verändert sich ständig — und bewahrt dabei überraschend viel von dem, was es einmal war.

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