Exkurs — Japanische Getränkeautomaten
(自動販売機, Jidōhanbaiki)
Japan ist das Land der Getränkeautomaten. Mit rund 2,1 Millionen aufgestellten Geräten entfällt statistisch auf je 60 Einwohner ein Automat — die höchste Dichte weltweit. In Tokio findet man sie an nahezu jeder Straßenecke, in Hakone am Waldrand neben einem Wasserfall, auf Miyajima zwischen Schreintoren, und auf Sakurajima mitten in der erstarrten Lavalandschaft. Der Automat ist in Japan kein Provisorium — er ist Infrastruktur.
Mehr als nur kalt oder still
Das Sortiment geht weit über das hinaus, was westliche Automaten anbieten. Neben Wasser, Softdrinks und Säften führen die meisten Geräte sowohl heiße als auch kalte Getränke — erkennbar an der Beschriftung あたたかい (atatakai, „warm", roter Hintergrund) und つめたい (tsumetai, „kalt", blauer Hintergrund). Im Winter dominieren heiße Dosen mit Kaffee, grünem Tee, Oshiruko (süße rote Bohnensuppe) oder Corn Soup; im Sommer kühle Flaschen mit Mugicha (gerösteter Gerstentee, ungesüßt) oder Calpis, einem milchigen Erfrischungsgetränk auf Milchsäurebasis. Grüner Tee ohne Zucker — in Europa kaum im Automaten zu finden — ist in Japan einer der meistverkauften Automatenartikel überhaupt.
Von der Blechbüchse zum vernetzten Gerät
Die Geschichte des japanischen Getränkeautomaten beginnt 1962 mit dem ersten vollautomatischen Kaltgetränkeautomaten; der erste Heißgetränkeautomat folgte 1973. Den eigentlichen Durchbruch brachte die Dosenkultur der späten 1960er Jahre. Heute sind die Geräte vernetzt, verfügen über digitale Displays, erkennen Temperatur und Tageszeit und passen ihr Angebot entsprechend an. In Katastrophenfällen können bestimmte Modelle sogar per Fernsteuerung auf kostenlosen Betrieb umgeschaltet werden — eine Funktion, die nach dem Erdbeben von 2011 vielfach genutzt wurde.
Unbeaufsichtigt und trotzdem verlässlich
Die Automaten werden in Japan täglich befüllt und gewartet; Vandalismus ist verschwindend selten. Sie stehen unbeleuchtet in Wohnstraßen, unbeaufsichtigt in Tempelanlagen und funktionieren — wie der Shinkansen — einfach.
Kaum ein Alltagsgegenstand erzählt so viel über Japan wie der Getränkeautomat: unauffällig, überall präsent, verlässlich bis in den Katastrophenfall hinein — eine stille Form von Infrastruktur, die man erst bemerkt, wenn man einmal wirklich durstig war.