Kopenhagen

Fahrräder, Hafenkante und ein Kraftwerk zum Skifahren

Kopenhagen zeigt sich als Stadt der kurzen Wege: historische Kanäle und bunte Giebelhäuser liegen hier direkt neben radikaler moderner Architektur, ein ehemaliges Werftgelände wird zum Kreativquartier, und ein Müllverbrennungskraftwerk bekommt kurzerhand eine Skipiste aufs Dach montiert. Eine Woche zwischen Altstadt, umfunktionierten Hafenarealen und der Öresundküste.

Kastellet & Die kleine Meerjungfrau

Der Weg über Østerbro führt zum Kastellet, einer der besterhaltenen Sternfestungen Nordeuropas. Die fünfzackige Anlage wurde ab 1662 unter König Frederik III. errichtet und diente dem Schutz Kopenhagens vom Wasser aus; bis heute wird das Gelände militärisch genutzt, ist aber frei zugänglich und beliebtes Naherholungsgebiet mit Wällen, Wassergraben und einer historischen Windmühle.

Unweit davon, direkt am Wasser, sitzt Die kleine Meerjungfrau — die 1913 von Edvard Eriksen geschaffene Bronzestatue nach dem gleichnamigen Märchen von Hans Christian Andersen. Finanziert wurde sie vom Brauereibesitzer Carl Jacobsen, der von einer Ballettaufführung des Stoffes so beeindruckt war, dass er die Statue in Auftrag gab. Mit ihrer vergleichsweise geringen Größe von nur 1,25 m ist sie ein beliebtes, wenn auch für viele Erstbesucher überraschend kleines Fotomotiv.

Nyhavn

Der farbenfrohe Kanal von Nyhavn wurde zwischen 1670 und 1673 unter Christian V. als Hafenbecken angelegt, um Handelsschiffe direkt bis in die Innenstadt zu führen. Die giebelständigen, bunt gestrichenen Bürgerhäuser entlang des Kais stammen größtenteils aus dem 17. und 18. Jahrhundert; Hans Christian Andersen lebte zeitweise gleich in mehreren der Häuser (Nr. 20, 67 und 18) und dürfte hier einige seiner bekanntesten Märchen verfasst haben.

Refshaleøen: Kunst, Streetfood & CopenHill

Refshaleøen ist ein ehemaliges Werftgelände nördlich der Innenstadt, das bis zur Schließung 1996 zur Werft Burmeister & Wain gehörte, einst einer der größten Schiffbaubetriebe Europas. Seit einigen Jahren entwickelt sich das Areal zu einem der lebendigsten Kreativquartiere der Stadt.

In einer der ehemaligen Werfthallen ist heute Copenhagen Contemporary untergebracht, eine große Ausstellungshalle für zeitgenössische, oft raumgreifende Kunstinstallationen — die industrielle Architektur der Halle bleibt dabei bewusst sichtbarer Teil der Präsentation.

Gleich nebenan liegt Reffen, einer der größten Streetfood-Märkte Skandinaviens, der seit seiner Eröffnung 2018 als Nachfolgeprojekt des früheren Papirøen-Marktes Dutzende kleine, unabhängige Foodstände unter einem Dach vereint.

Nur wenige Gehminuten weiter erhebt sich Amager Bakke, besser bekannt als CopenHill: ein 2019 fertiggestelltes Müllverbrennungskraftwerk nach Entwurf des Architekturbüros BIG (Bjarke Ingels Group). Auf dem schräg geneigten Dach des Kraftwerks wurden eine künstliche Skipiste, ein Wander- und Laufweg sowie eine Kletterwand angelegt — ein vielzitiertes Beispiel dafür, wie Kopenhagen Infrastruktur und Freizeitnutzung zusammendenkt. Von der Dachterrasse aus reicht der Blick weit über die Stadt und den Hafen.

Superkilen, Christiania & Amager Strandpark

Superkilen in Nørrebro ist ein rund 750 m langer Stadtpark, 2012 von BIG gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten Topotek1 und dem Künstlerkollektiv Superflex gestaltet. Das Konzept: Objekte aus über 50 Ländern — von türkischen Sitzbänken über japanische Spielgeräte bis zu einem Neonschild aus Katar — repräsentieren die Herkunft der im Viertel lebenden, sehr internationalen Bevölkerung. Der Park gliedert sich in drei farblich unterschiedliche Abschnitte: den Roten Platz, den Schwarzen Markt und den Grünen Park.

Die Fahrradtour führt weiter durch Christiania, die 1971 von Hausbesetzern in einem ehemaligen Kasernengelände (Bådsmandsstræde) gegründete Freistadt, die bis heute als weitgehend selbstverwaltete Gemeinschaft besteht — inklusive eigener, informeller Regeln abseits des dänischen Rechtssystems in bestimmten Bereichen. Angrenzend liegt Christianshavn, ein im 17. Jahrhundert unter Christian IV. nach Vorbild niederländischer Grachtenstädte angelegtes Stadtviertel mit ähnlichem Kanalsystem wie Amsterdam.

Endpunkt der Radtour ist der Amager Strandpark, ein 2005 eröffneter, rund 2 km langer künstlich angelegter Strand vor den Toren der Stadt. Von hier aus ist bei klarer Sicht die Øresundbrücke zu sehen, die seit ihrer Eröffnung im Jahr 2000 Kopenhagen mit dem schwedischen Malmö verbindet — eine kombinierte Straßen- und Eisenbahnverbindung aus Brücke, künstlicher Insel und Tunnel mit einer Gesamtlänge von rund 16 km.

Kopenhagen verbindet auf ungewöhnlich selbstverständliche Weise historisches Erbe mit radikaler Gegenwartsarchitektur: eine 350 Jahre alte Hafenpromenade neben einer Skipiste auf einem Kraftwerk, eine Sternfestung aus dem 17. Jahrhundert neben einer Freistadt ohne festes Regelwerk. Eine Stadt, die ihre Gegensätze offenbar lieber auslebt, als sie aufzulösen.







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